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Kommentar

Balken im Auge

Auf den Streifzügen durch die News im Netz, bin ich mal wieder auf einen Artikel der angeblich christlichen Partei AUF gestoßen. Dieser Montagskommentar des stellvertretenden Bundesvorsitzenden Dr. Markus Widenmeyer der AUF, ist mal wieder ein Glanzstück neokonservativer Denkmuster auf einem Niveau, wie man es von einem gebildeten Menschen kaum erwartet, aber sich nahtlos in schon vergangene Äußerungen einreiht, wie ich sie schon einmal im kommentiert habe. Damals wie heute, ist die Grundaussage, dass der Sozialismus und der Nationalsozialismus eine und das Selbe sind und heute wie damals wird nicht mit Halbwahrheiten und Lügen gegeizt. Doch wer für die Gesellschaft hohe ideelle Werte reklamiert, sollte auch mit den historischen Tatsachen und der Wahrheit ordentlich umgehen. So hab ich mich entschlossen, jene pseudowissenschaftlichen Äußerungen doch mal wieder etwas AUFzudröseln, um zu schauen, hält der Artikel in seinen Kernaussagen einer kritischen Prüfung stand.

Fangen wir mit der Kernaussage einmal an, die mit der Überschrift “Die Ideologie der Achtundsechziger” einen besonders faden Beigeschmack bekommt

“Auf Basis einer atheistischen, marxistischen und evolutionistischen Weltanschauung haben im 20. Jahrhundert schreckliche Tragödien stattgefunden, namentlich im „real existierenden“ Sozialismus und im National-Sozialismus. Die genannten Ideologien sind im Grunde eng verwandt.”

Fast alle darauffolgenden Argumente, kann man heute genauso auf den globalen Kapitalismus anwenden, bzw sind für die heutige Linke völlig irrelevant, davon wurde sich distanziert und die negativen Punkte wollen von der Linken überwunden werden (siehe: Programmatische Eckpunkte) und deswegen werde ich mich denen nicht widmen, da der Artikel sowieso mit der Kernaussage steht oder fällt.

Hier wird, wie auch schon in vergangenen Artikeln, der Versuch unternommen, Nationalsozialismus, möglicherweise Faschismus und Sozialismus miteinander zu verquirlen, möglicherweise, um ein simples Weltbild zu konstruieren, ganz im Sinn der im Moment um sich greifenden Totalitarismuslehre. Wenn man in die Geschichte schaut, dann gibt es Beispiele, wie Mussolini, die sich ursprünglich Sozialisten nannten, aber einiger Zeit eine Rechtswende machten und sich von allem was früher tat und sagten distanzierten (Naissance de l’idéologie fascist, Verlag Gallimard, S. 350ff (1989, deutsch: „Die Entstehung der faschistischen Ideologie“, Hamburg 1999)). Wenn man der Argumentation folgt, dass nur weil einzelne Protagonisten der Nazis und der Faschisten ehemals aus dem sozialistischen Lager kamen und deshalb der Nationalsozialismus, bzw. der Faschismus und der Sozialismus das Selbe sind, könnte man genauso das Christentum für die Ausuferungen und Gewalttaten des Islamismus auch noch mit haftbar machen, da sich ja Mohammed auch auf Jesus beruft. Bei Hitler und Göppels wird es dann noch spannender, da diese selbst getaufte Katholiken waren und Göppels sein Sendungsbewusstsein aus seinem “christlichen” Glauben herleitete, wie auch immer er das machte. Nach der Argumentation der AUF, wären damit alle Katholiken Nationalsozialisten. Oder kann man vielleicht doch nicht so argumentieren?

Ein weiterer Teil der Kernaussage des Artikels ist der angebliche Atheismus beider Ideologien. Zuerst einmal finde ich es irritierend, wenn eine politische Partei, die auf dem Boden des Grundgesetzes und damit zur Glaubens- und Meinungsfreiheit steht, den Atheismus verteufelt, als wäre dieser die Grundlage für die Gewaltexzesse der Geschichte. Wie erklärt man sich dann die Gewaltorgien unter christlicher Herrschaft während des Mittelalters? Aber gut, wir reden hier ja über den Sozialismus.

Der Sozialismus hat unterschiedliche Wurzeln und es gab immer auch Christen, die dort in Erscheinung traten. Eine weitere Wurzel ist natürlich säkularer Natur auf der Basis der Aufklärung. Während des Realsozialismus, war in Europa, anders als in Lateinamerika, wo die Befreiungstheologie sich am gesellschaftlichen Befreiungsprozess aktiv beteiligt hat, der Sozialismus hierzulande hauptsächlich atheistisch ausgerichtet, was wohl auch mit der permanenten Kopplung der drei K’s (König, Kirche, Kapital) zusammenhängt. Während der Industrialisierung, rettete sich schließlich die Kirche auf die Seiten des kapitalistischen Bürgertums und ließt die Arbeiter in ihrer Not allein und taten ihren Dienst als Opium des Volkes, wie Marx es beschreibt. Für Marx war Religion der Seufzer der unterdrückten Kreatur, die dazu da war, bestehende Unterdrückersysteme religiös zu untermauern und die Menschen ruhig zu stellen, ganz im Gegensatz zur Lehre von Jesus, der sich für die Schwachen einsetzte und dessen Geburt in der Bibel mit folgender Aussage beginnt: Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.

Der Nationalsozialismus und der Faschismus hingegen waren in ihrem Kern immer religiös und nicht atheistisch und bedienten sich gern der Institution der drei K’s. Mussolini wurde nach seinem Rechtsschwenk von der Kirche unterstützt und festigte damit seine  politische Macht. Besonders Franco in Spanien nutzte dieses Instrument noch mehr im Rahmen des Nationalkatholizismus. Er selbst war gläubiger Katholik. Dieser Klerikalfaschismus brachte unter anderem auch den Orden Opus Dei hervor, dessen Gründer und Leiter Balaguer ein glühender Franco-Fan war. In Österreich war es der gläubige Katholik Drollfuß mit seinem Austrofaschismus, der sich mit Hilfe der Kirche seinen faschistischen Ständestaat aufbaute, der bis zur Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich bestand. Auch der deutsche Nationalsozialismus war religiös, zwar nicht unbedingt christlich aber religiös durch und durch. Anders ist diese Bewegung auch nicht zu verstehen und es ist auch reichlich naiv, das zu behaupten. Hitler und Göppels waren, wie eingangs erwähnt selbst Katholiken und Göppels meinte aus seinen christlichen Überzeugungen, was auch immer diese waren, in die NSDAP gehen zu müssen. Himmler war Esoteriker mit starker Ausrichtung auf die germanische Mythologie, vermischt mit Hinduismus und Buddhismus, nach deren Muster er auch die SS prägte. Auch hier wurde in der Mehrheit das Regime von der Kirche unterstützt oder zumindest widerspruchslos geduldet. Es wurde weiterhin versucht, mit der Gründung der Deutschen Christen, die nationalsozialistische Ideologie mit dem Christentum zu vermengen. Viele Christen wählten damals Hitler aus Überzeugung oder aus der Angst vor dem Untergang des Abendlandes, wobei ja heute die AUF gern zweiteres beschwört und in dessen Geist sie scheinbar ihre Politik macht. Ohne die vielen christlichen Stimmen hätte es keinen demokratisch gewählten Hitler als Reichskanzler gegeben. Und wenn ich solche Montagskommentare lese, dann frage ich mich, ob das nicht auch heute wieder möglich wäre.

Was ist also der Grundcharakter der genannten Ideologien? Der Faschismus und der Nationalsozialismus berufen sich im Kern auf das Recht des Stärkeren über den Schwachen, so wie Darwin es in seiner Lehre von Selektion und Auslese beschrieb, was man auch Sozialdarwinismus nennt. Dies ist in abgeschwächter Form auch der Kern der kapitalistischen Marktwirtschaftslehre. Somit kann man sagen, dass der Faschismus, bzw. der Nationalsozialismus radikalisierte Formen einer kapitalistischen und konservativ-bürgerlichen Gesellschaft sind, wie folgende Zitate von Mussolini und führender liberaler Ideologen, wie Mises, beweisen, auf den sich auch die AUF gern bezieht:

Über Ludwig von Mises schreibt die Wikipedia:

Den aufkommenden Faschismus in Europa beschrieb er als Bewegung, die die Empörung der Menschen über die Gewalttaten der Bolschewiki in der Sowjetunion in Gegengewalt umsetze. [...] Weiter schrieb er: „Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben. Doch die Politik, die im Augenblick Rettung gebracht hat, ist nicht von der Art, daß das dauernde Festhalten an ihr Erfolg versprechen könnte. Der Faszismus war ein Notbehelf des Augenblicks; ihn als mehr anzusehen, wäre ein verhängnisvoller Irrtum.“ (Quelle: Wikipedia)

Friedrich August von Hayek, ein Freund von Milton Friedmann und des Diktators Pinochet in Chile, meinte:

„Eine freie Gesellschaft benötigt moralische Bestimmungen, die sich letztendlich darauf zusammenfassen lassen, dass sie Leben erhalten: nicht die Erhaltung aller Leben, weil es notwendig sein kann, individuelles Leben zu opfern, um eine größere Zahl von anderen Leben zu erhalten. Deshalb sind die einzigen wirklichen moralischen Regeln diejenigen, die zum „Lebenskalkül“ führen: das Privateigentum und der Vertrag.”


“Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, daß in einem freiheitlichen System die voll Erwerbstätigen oft schnell von einer vorübergehenden und nicht gefährlichen Erkrankung geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken.” – Die Verfassung der Freiheit, Tübingen, 1983, S.397

“Und der vorherrschende Glaube an »soziale Gerechtigkeit« ist gegenwärtig wahrscheinlich die schwerste Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Zivilisation.” – Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 2, Landsberg am Lech 1981, S. 98

Mussolini bringt es auf den Punkt, als er meinte:

„…das bürgerliche Schiff nicht [zu] versenken, sondern an Bord [zu] gehen, um die parasitären Elemente über Bord zu werfen.“

Der Sozialismus hingegen betont das Recht aller Menschen und will das Recht des Starken über den Schwachen überwinden “also [...], alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.” (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) Es geht um die Freiheit aller Menschen und nicht nur ein paar Einzelner, wie im Faschismus: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Marx, Kritik des Gothaer Programms) Somit ist der Sozialismus von seiner Grundausrichtung nicht mit dem Faschismus vergleichbar und kann auch nicht gleichgesetzt werden.

Was wir heute erleben, ist ein Radikalisieren sämtlicher politischen Richtungen und da machen auch die Konservativen keinen Unterschied und so zeigt die AUF damit auch ihr wahres Gesicht. Radikalisiert hat sich auch der Kapitalismus, dessen Vertreter auch die AUF sein will, wie wir ja auch in diesem Artikel lesen können. Über den Kapitalismus schreibt Jean Ziegler im Tagesspiegel:

“Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. Alle vier Minuten erblindet jemand aufgrund von Vitamin A-Mangel. Im Jahr 2007 waren 856 Millionen Menschen – jeder sechste auf unserem Planeten – schwer und dauerhaft unterernährt. Im Jahr 2005 waren es noch 842 Millionen. Der World Food Report der FAO, der diese Zahlen angibt, versichert, dass die weltweite Landwirtschaft im derzeitigen Entwicklungsstand ihrer Produktivkräfte normalerweise (das heißt mit 2700 Kalorien pro Tag und pro Erwachsenem) 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Wir sind heute 6,6 Milliarden Menschen auf dieser Erde. Konklusion: Es gibt kein unabänderliches Schicksal. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Die wirtschaftliche, soziale und politische Weltordnung, die vom Raubtierkapitalismus errichtet wurde, ist nicht nur mörderisch. Sie ist auch absurd. Sie tötet, aber sie tötet ohne Notwendigkeit. Sie muss radikal bekämpft werden.”

Ich habe ein paar Fragen an die AUF:

Was ist nun mit den Menschen, die von unsichtbarer Hand, aufgrund unseres Wirtschaftssystem ermordet werden? Sind diese Menschen der AUF nichts wert?Welche Einstellung hat ein solcher stellvetr. Bundesvorsitzender einer “christlichen” Partei in Deutschland selbst zu seiner Verantwortung als Deutscher und Christ vor der eigenen Geschichte und wie nimmt er diese wahr, wenn er sich für alles einen Sündenbock sucht? Wer hat den Nationalsozialismus bekämpft? Waren es nicht jene Linke Personen, unter denen sich genügend Christen befanden, die von diesem stellv. Parteivorsitzenden regelmäßig mit Hasstiraden überzogen werden? Wer bekämpft den Faschismus heute? Wie kommte es, dass ich noch nie Vertreter der AUF auf einer Anti-Nazi-Demo getroffen haben? Waren es nicht die 68er, die mit ihrer Galeonsfigur, dem Christen und Sozialisten Rudi Dutschke, die alten verdrängten Sünden der Deutschen im Nationalsozialismus zum Ärger der Konservativen wieder auf die Tagesordung holten? Waren es nicht die 68er, die sich gegen den Krieg in Vietnam stellten? Waren es nicht die 68er, die gegen die Stationierung von Atomwaffen in der BRD und für Frieden demonstrierten? Wie kommt es, dass eine Partei einerseits den Nationalsozialismus kritisiert, aber andererseits Eva Hermann, die ja bekanntlich für den Kopp-Verlag arbeitet, in welchem Nazis offen ihre Literatur verbreiten, einlädt? Fragen über Fragen…

Da ich nicht denke, dass Herr Widenmeyer dumm ist, bleibt nur noch Brecht übrig:

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

oder mit der Bibel (Luk 6,41ff):

Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Du sagst: ‘Mein Bruder, komm her! Ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen!’ Dabei erkennst du nicht, dass du selbst einen Balken in deinem Auge hast. Du Heuchler! Entferne zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du klar sehen, um auch den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.”

Diskussion

4 Antworten zu “Balken im Auge”

  1. Dumm ist er nicht, der Herr Widenmeyer…aber wahrscheinlich verblendet und karrieregeil!

    Geschrieben von Jojo Wolter | 29. Januar 2011, 06:43
  2. Anfang des Jahrtausends hieß es mal ” Die Kunst ist total!” und es hieß auch, in der Wochenzeitschrift Die Zeit ” Der Kampf gegen die Dummheit hat gerade erst begonnen!”. Wie man das auslegt, ist aber subjektiv. Und herzlichen Glückwunsch zu Ihren geistigen Höhenflügen! Das kann auch nicht jeder. Mit diesem Gruß möchte ich,als sozial gescheitertes Wesen mich aus der Diskussion verabschieden. Doch da Sie meinen Horizont erweitern konnten, wollte ich mich nicht grußlos verabschieden. Dass Rudi Dutschke Christ war, wusste ich nicht! Ich wusste nur, dass die taz in Berlin in der Rudi Dutschke Strasse ist, falls ich mich recht entsinne. Und dass ich die immer gern gelesen habe. Jesus sagte,die Wahrheit wird euch frei machen. Es ist uns unmöglich, etwas zu forcieren, dass nur Gott selbst vorbehalten ist.

    Geschrieben von Kerstin Sondersprosse | 13. November 2011, 14:05
    • Wie muss man das in Bezug auf den Artikel verstehen?

      Geschrieben von Matthias | 13. November 2011, 19:01
  3. Interessanter Artikel – mich regt die Totalitarismus-Theorie schon lange auf. Nationalsozialismus und Kommunismus sind überhaupt nicht vergleichbar – wer das behauptet, hat überhaupt nicht kapiert, worum es Kommunisten geht. Die wollen das Nationale ja überwinden – und das völlig zu recht – da werden “Unterschiede” aufgemacht, die keine sind. Ja, es gibt Klassen, oben und unten. Die, die was zu sagen haben, und die die zu erleiden haben, was die da oben bestimmen. Über alle Nationalitäten hinweg – daran sieht man schon, wie schwachsinnig das Konstrukt “Nation” ist. Das nützt nur denen da oben. Und die da unten sind so dämlich, einander zu bekämpfen, statt sich gemeinsam gegen die da oben zu wenden.

    Deshalb würde ich die AUF nicht allzu ernst nehmen. Herkömmlichen Christen kommen in der Regel gut mit Faschisten klar – Regeln befolgen und andere ausgrenzen ist da sehr beliebt, denn man wähnt sich etwas Besseres. Genau das ist bestimmt nicht das, was Jesus eigentlich gemeint hätte – wobei mir das auch schnurz ist, ich glaub nicht daran. Ich habe mich mal aus wissenschaftlichem Interesse damit beschäftigt.

    Jedenfalls weiter so mit dem selbst Nachdenken – das ist immer gut. Parteien dagegen sind nie gut – wenn sie wählbar sind, sind sie systemkonform und genau das ist das Problem.

    Geschrieben von modesty | 26. Januar 2012, 20:49

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